tl;dr: Mit meiner Form des Cross Dressings ist ein Ausdruck meiner Ablehnung der gesellschaftlichen Geschlechternormen, ohne mich dabei zu "Verkleiden" oder meinen Körper als biologischer cis-Mann zu verleugnen. Ich habe den Eindruck, dass ich da irgendwie selbst in dem kleinen Cosmos des CD/TV etwas allein bin.
Jetzt bin ich fast ein Jahr auf dieser Platform und der Austausch hilft mir sehr. Danke dafür und die vielen Anregungen, die ich sammeln darf! Ich habe auch viel über mich, meine Motivation fsh zu tragen und warum ich das mache, nachgedacht.
Die folgenden Gedanken passen irgendwie zu dem Titel dieses älteren Threads, aber nicht zu den letzten Posts. Also ein ein neuer Gedanke zum alten Titel.
Ich selbst habe große Schwierigkeiten, mich in irgendeine Box einzuordnen, daher geht es mir auch weniger um die Frage "Bin ich ein Cross Dresser?" oder was auch immer. Das ist mir im Grunde auch egal. In diesem Kontext habe ich mich mit einigen hier um Forum ausgetauscht, aber auch viele Dokus oder Texte gesehen und gelesen und habe mich sehr selten wiedergefunden. Was mich tatsächlich ein bißchen irritiert.
Bei fast allen Dokus und Texten die ich dazu gelesen habe, schlüpfen die Protagonisten mit Cross Dressing in eine andere Rolle, vielleicht auch in ein anderes Leben; fast immer damit verbunden, sich "wie eine Frau zu fühlen", "weiblich" zu sein. Das geht meist einher mit einer Perücke und vielleicht auch mit formenden Teilen unter der Kleidung. Also tatsächlich einer sogar äußerlich wahrnehmbaren Verwandlung, ja im Grunde fast einer Verkleidung. Oft wird berichtet, dass sie damit in eine Art Alter Ego schalten. Ein Übergang von einem Modus in einen anderen. Viele berichten, dass sie sich en femme freier fühlen, wie eine Art Auszeit aus dem normalen Leben. Diese Form der "zwei Existenzen" scheint bei vielen da zu sein. Die extremere Form, bei dem sich die Protagonisten in einem "falschen Körper" fühlen und vielleicht sogar darunter leiden, lasse ich hier mal aus. Ein kleiner Disclaimer: Ich will nicht andere beschreiben oder darüber urteilen; dieser Absatz war einleitend zu meinen folgenden Gedanken:
Mein "Ding" scheint weit weniger vertreten zu sein und ich frage mich, ob es hier wohl ähnlich "jecke" User gibt, wie mich... Wenn ich fsh trage, oder einen Rock, ein Kleid, vielleicht auch Schmuck und MakeUp, dann schlüpfe ich nicht in eine andere Rolle. Ich bin dann nur in einer anderen Stimmung. Kennt vermutlich jeder "Normalo": Man steht vorm Kleiderschrank und überlegt sich, in welchem Hemd fühle ich mich heute wohl? Bei mir ist die Auswahl halt größer. Theoretisch, denn die "andere" Kleidung trage ich nur sehr selten und vor allem noch seltner öffentlich (s. mein Profil dazu). Dabei verkleide ich mich aber nicht und schlüpfe auch nicht in ein Alter Ego.
Ich bin biologisch ein cis-Mann und das gefällt mir. Ich hadere aber sehr mit all den gesellschaftlichen Normen, die die Gesellschaft mit den Geschlechtern verbunden hat. Im alltäglichen Leben bin ich definitiv kein Macho. Und ich vermeide es z.B. auch, breitbeinig auf einem Stuhl zu sitzen, denn ich finde das als sehr obszön und als Geste des Patriachats, mit seinem Gemächt anzugeben, auch wenn sich kaum einer daran stört; da wird die tiefe Verwurzelung der gesellschaftlichen Geschlechternormen sichtbar: Mann darf das, Frau nicht. Frau darf Rock tragen, Mann nicht. Frau muss brav sein, Mann muss führen. Ja, das ist eine Übertreibung, aber das Prinzip ist aus meiner Sicht heute nicht wirklich überwunden. Sonst gäbe es das Forum vermutlich nicht (mehr).
Wenn ich einen Rock trage, dann bleibe ich ich, der biologische cis-Mann; ich schlüpfe nicht in eine Rolle. Ich bleibe ich. Mit einer Perücke oder Umschnallbrüsten wäre ich verkleidet. Selbst in einem eher erotisch aufgeladenen Kontext (Übertreibung macht anschaulich) im Kleinen Schwarzen mit Pumps, Perlenkette, lackierten Nägeln und Lippenstift, bin ich immer noch der cis-mann; das gleiche Prinzip, als wenn ich im Büro in "männlicher" Kleidung einige der sonstigen normativen Verhaltensregeln für Männer und Frauen ignoriere und ich mich da genauso aus beiden Norm-Töpfen bediene. Im Kleid "spiele ich nicht Frau"; ich lebe meine gewisse Androgynität bzgl. der gesellschaftlichen Normen. Ich gefalle mir im Rock und Kleid - mehr nicht.
Als ich im November von meinem ersten öffentlichen Ausgang im Rock berichtete, war ich halt ein Mann mit einem Rock und schwarzer, blickdichter fsh (es war ja November). Der Rest der Kleidung war so halbwegs unisex. Ich habe mir die Freiheit genommen, die gesellschaftliche Norm zu ignorieren, in der gleichen Art, wie ich sonst vielleicht in einem Café die Beine übereinander schlage. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, noch merkwürdiger beäugt zu werden, als wäre ich als TV im Sinne einer perfekten Frauenkopie unterwegs. Anscheinend wußte man nicht, in welche Schublade ich passe. Aber das ist ein anderes Thema.
Gibt es hier User, die sich da wiederfinden? Die mit Cross Dressing nicht von einer der Geschlechterschublade in die andere wechseln? Die sich in ähnlicher Art und Weise "dazwischen" fühlen, ohne den biologischen Körper in Frage zu stellen? Die sich nicht "umbauen", wenn sie ein Kleid tragen? Bei denen die Ablehnung der gesellschaftlichen Geschlechternormen ebenfalls eine große Motivation zum Cross Dressing ist?
Viele Grüße
Tricky