Gerade zu Themen Pandemie oder Krieg stecken wir alle derart in unseren jeweiligen (Vor)Urteilen drin, dass da sowieso kaum eine fruchtbare Diskussion mehr möglich ist. Derjenige, der dann eine andere Sicht hat als ich, ist dann der Klugscheißer, der Schwurbler, der Idiot, der was auch immer, sich selbst stellt man natürlich nicht in Frage.
Das ist ein guter Punkt, wie ich finde.
Vor allem verstärkt sich dieser Effekt ja mit der Zeit, weil auf jeden "Angriff" ein neues "Contra" folgt und man dazu neigt, die eigene "Argumentation" auch ein wenig "auszudehnen", wobei man dann gern unterschwellig weitere eigene Vorurteile einbringt, die das Klima vergiften.
Ich will dafür die Beispiele nicht zusammensuchen, aber der "Ösi" fiel mir da schon mal auf und dann so anekdotische Evidenzen, dass "die Pfandsammler, die ICH so wahrnehme, ja keine Rentner sind" und dergleichen mehr.
Als ich vor einiger Zeit mal eine kurze Auszeit vom Forum genommen habe, war genau das einer der Gründe.
Ich sah, dass ich eigentlich kaum mehr gute Gespräche hier geführt/wahrgenommen habe, UND ich sah, dass ich selbst dazu meinen Teil beitrug.
Letzteres allerdings wie eine Art Automatismus. Obschon ich erkannte, dass ich oft mehr auf den Nick als auf den Inhalt eines Forenbeitrags reagierte, fiel ich immer wieder in diese Vorurteile zurück.
Nun ist das ja kein Phänomen, das erst im Zeitalter der Internetforen entstanden wäre, schon in Römerzeiten machten sich große Staatsmänner mit Spitznamen über ihre Caesaren lustig, und Brecht schrieb gern doppelzüngig vom Maler aus Braunau, Satire hat dieses Stilmittel bis heute immer und immer wieder eingesetzt, sei es nun ein Mottowagen von Jacques Tilly, der Analverkehr zwischen Putin und Trump andeutet, die türkische Zeitung, die Angela Merkel mit Hitlergruß darstellt, oder ein deutscher Kabarettist, der dem türkischen Staatschef Sodomie unterstellt.
In der parlamentarischen Debatte im Bundestag in den 80er und frühen 90er Jahren waren auch einige heftige Rededuelle mit, ich nenn es mal:, persönlicher Note zu hören. Unvergessen Willy Brandt mit einer Rüge, weil er die Regierungspolitiker als Heuchler und Lügner bezeichnet hatte, der sich für die Rüge publikumswirksam bedankte mit den Worten: "Herr Präsident, ich bedanke mich für diese Rüge, legt sie doch das Augenmerk auf das, was ich zu sagen wünschte."

Da ich zu dieser Zeit oft in Bonn bei meiner damaligen Freundin war, die in der Südstadt wohnte, war ich auch des Öfteren im "Argelandereck", einem Trinktempel, in dem auch die Herren Parlamentarier gern ein spätes Getränk zu sich nahmen.
Da waren dann die, die sich im Parlament spinnefeind zeigten, plötzlich ganz friedlich beim Zechgelage miteinander.
Es war also letztlich Show, es war die Darstellung einer harten Auseinandersetzung, privat verstand man sich offensichtlich bestens.
Wenn ich mich jetzt frage, ob eine solche "rhetorische Überspitzung" und eigentlich ja Angriffshaltung legitim oder vernünftig ist, komme ich nach wie vor zu keiner eindeutigen Antwort.
Einerseits sehe ich, dass gerade hier im Forum diese "Angriffshaltung" eben fast immer zu weniger Austausch und Gespräch führt, was nüchtern betrachtet für die Stimmung im Forum toxisch ist, wenn andererseits jemand hier immer und immer wieder Dinge äüßert, die ich für mindestens grenzwertig halte, wenn nicht falsch, dann juckt es mich in den Fingern, das auch kundzutun.
Dabei schieße ich dann gern mal über das Ziel hinaus, womit wir wieder am Eingang meines postings wären.
"Eines lässt sich nicht bestreiten, jede Sache hat zwei Seiten, die der andern, das ist eine, und die richtige Seite, Deine" (Mascha Kaleko)
.. und weil ich ihn oben schon erwähnt habe:
So sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen...
LG
Adrian